7 Fragen an Robert C. Marley

Dryas Verlag: 1. Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem aktuellen Buch „Inspector Swanson und die Frau mit dem zweiten Gesicht“ gekommen?

Robert C. Marley: Zum einen lag es mir am Herzen, von Londons Straßenkindern zu erzählen – wie sie lebten, wie sie ihre Tage verbrachten, welche Ängste und welche Hoffnungen sie gehabt haben mochten. All das interessierte mich. Zum anderen liebe ich Geistergeschichten und kann mich für alles Übernatürliche begeistern. Daher wollte ich schon immer über Londons bekanntestes Spukhaus schreiben: Nr. 50 Berkeley Square. Im 19. Jahrhundert stand es in dem Ruf, das am meisten von Geistern heimgesuchte Haus der britischen Hauptstadt zu sein. Edward Bulwer-Lytton besuchte es seinerzeit und schrieb daraufhin die bekannte Erzählung „Das unheimliche Haus in der Oxford Street“, die ich bereits als Kind gelesen hatte. Die Herausforderung war, beides zu verknüpfen, denn echte Geister haben nichts in einem Kriminalroman zu suchen. Letztlich ließ sich das Problem ganz wunderbar durch ein Verbrechen beheben.

Dryas Verlag: 2. Ihr Buch thematisiert Hellseher und Geisterbeschwörer. Was fasziniert Sie daran, und glauben Sie gar selbst an Hellsehen o. ä.? // Falls die Frage der Antwort in Frage (1) zu ähnlich ist oder Sie dazu einen Blogbeitrag planen, könnte ich mir auch diese Frage vorstellen: Sie betreiben ein eigenes Kriminalmuseum. Wie genau können wir uns das vorstellen? Was erwartet einen Besucher Ihres Museums?

Robert C. Marley: Das Museum ist, verglichen mit dem Black Museum von Scotland Yard, sehr klein und befindet sich in zwei Räumen in meinem Haus. Es gibt keine festen Öffnungszeiten. Es ist wie die Bar eines englischen Pubs eingerichtet, und gerade Autorenkollegen kommen häufig vorbei, um es zu besuchen, aber auch anderen Interessierten steht es nach vorheriger Terminabsprache offen.

Durch meine Reisen und Recherchen in Großbritannien hatte ich über die Jahre so viele Dokumente und kriminalhistorisch bedeutsame Artefakte zusammengetragen, dass ich sie einfach irgendwo unterbringen musste. Statt sie in Schachteln und Kartons zu verstecken, beschloss ich, sie in Vitrinen auszustellen. Highlights meiner Sammlung wären u. a. eine der zwei existierenden Lebendmasken des berühmten englischen Henkers Albert Pierrepoint und der Haustürschlüssel zu Nr. 10 Rillington Place. Dies war das Haus im Londoner Stadtteil Notting Hill, in dem der Serienmörder John Christie wohnte. Teile des Films mit Richard Attenborough wurden dort gedreht und ein beteiligter Kameramann gab mir den Schlüssel, das Haus wurde mittlerweile allerdings abgerissen. Christie wurde im Übrigen in den 50er Jahren von Pierrepoint exekutiert. Außerdem ist das Museum für mich auch ein wichtiger Ort der Inspiration. Ich schreibe die ersten Entwürfe immer von Hand in ein Notizbuch – und das tue ich oft an der Bar des Museums inmitten all der Ausstellungsstücke. Das ist dann jedes Mal fast wie eine Zeitreise … Wir selbst haben übrigens einen Hausgeist. Eigentlich ist er ein sogenannter Taschenspuk, der Edgar heißt. Er wohnt in einem kleinen viktorianischen Sarg in meinem Museum. Er ist ein frecher, aber freundlicher Mitbewohner, und wir alle mögen ihn sehr.

Dryas Verlag: 3. Mit dem aktuellen Band sind es bereits 5 Teile der Serie rund um Chief Inspector Swanson. Was fasziniert Sie an ihm?

Robert C. Marley: Die historische Gestalt des Chief Inspectors Swanson ist an sich bereits faszinierend. Er stammte aus Schottland, wo seine Eltern eine Whiskydestille besaßen, war als Freimaurer ein Menschenfreund und hatte eigentlich vor, Pfarrer zu werden, ehe er in den Polizeidienst trat. Außerdem ermittelte er zu einer Zeit, als die Forensik noch in den Kinderschuhen steckte, erlebte aber auch ihre große Fortschritte mit. Diese Mischung fand und finde ich ungewöhnlich interessant.

Dryas Verlag: 4. Wer sind Ihre Vorbilder und warum?

Robert C. Marley: Ich würde sagen: Wer sich für die Menschen interessiert, hat es täglich mit Vorbildern zu tun – guten wie schlechten. Und von den guten haben die wenigsten einen großen Namen. Mit literarischen Vorbildern ist es ebenso. Unübertroffen sind in meinen Augen jedoch Agatha Christie in puncto Plot, Dorothy L. Sayers, was den Humor betrifft, und Roger Willemsen, was die humanistische Haltung angeht.

Dryas Verlag: 5. Was ist Ihr Lieblingswochentag und warum? Was machen Sie dann am liebsten?

Robert C. Marley: Definitiv der Samstag! Egal ob ich ihn mit meiner Familie verbringe, mit Freunden oder ob ich arbeite, er fühlt sich für mich einfach am besten an. Samstage sind wie ein schönes weißes Blatt Papier – da kann irgendwie alles passieren.

Anja Schmidt / Frage über Facebook: 6. Lieber Robert C. Marley, was fasziniert Sie speziell an der viktorianischen Zeit in England? Würden Sie gern einmal eine Zeitreise dorthin unternehmen? Und wenn ja, welche Persönlichkeiten hätten Sie da gern einmal getroffen?

Robert C. Marley: Hui, das sind interessante Fragen. Darf ich etwas ausholen? Ich glaube, meine persönliche Sicht auf das viktorianische England ist in erster Linie eine sehr romantisierte – geprägt durch die Serie „Sherlock Holmes & Dr. Watson“, die in den 1980er Jahren im ZDF lief. Sie hatte einen sehr gemütlichen Charme: Gaslaternen, Kaminfeuer und Fahrten in Pferdedroschken durch den Londoner Nebel, gepaart mit rätselhaften Kriminalfällen, in denen das Gute am Ende immer siegt. Auch wenn ich nicht all zuviel von der damaligen Drei-Klassen-Gesellschaft halte, wünsche ich mir doch manchmal ein wenig mehr von den heute fast antiquiert erscheinenden Tugenden jener Zeit zurück: Anstand, Höflichkeit, Geduld und Respekt seinen Mitmenschen gegenüber. Mein Bild vom viktorianischen England ist eines, in dem sich die Mehrzahl der Menschen nicht bloß um sich selbst dreht. Fortschritt und Aufklärung diente damals der Allgemeinheit und nicht ausschließlich dem eigenen Komfort. Und es gab keine Mobiltelefone hinter denen man sich verstecken konnte, während man auf dem Bahnsteig auf den Zug wartete – die Menschen unterhielten sich noch. Wie gesagt, mein Bild von dieser Zeit ist ein ziemlich romantisiertes.

Die Wirklichkeit sah deutlich anders aus. Die Häuser waren zugig, das Essen nach heutigen Standards nicht sonderlich gut, und wenn man auf der falschen Seite der Straße geboren wurde, konnte das Leben sicherlich die Hölle sein. Die Kindersterblichkeit war extrem hoch und die allgemeine Hygiene entsetzlich. Ich denke, es ist eine Sache, sich in unseren Tagen gemütlich hinzusetzten, wo es uns an nichts mangelt, wir aber trotzdem unzufrieden sind, und über das harte aber auch irgendwie abenteuerliche Leben von Waisenkindern zu lesen, die sich unter widrigen Umständen zu geschickten Taschendieben ausbilden lassen, und eine andere, wirklich dort zu sein, und es selbst erleben zu müssen. Verschneite Straßen und eisige Temperaturen an Heiligabend sind auch nur dann anheimelnd und gemütlich, wenn wir vor dem geschmückten Weihnachtsbaum sitzen und nicht draußen auf der Straße leben.

Wenn ich zum Beispiel durch London gehe, habe ich meist meine Zeitreisebrille auf. Ich kenne vielleicht die Geschichte eines bestimmten Hauses oder eines Pubs und sehe es in meiner Fantasie beinahe so, wie es vor über hundert Jahren ausgesehen haben mag. Im Ye Olde Cheshire Cheese, meinem Lieblingspub, funktioniert das besonders gut, denn da scheint die Zeit tatsächlich stehen geblieben zu sein. Das Licht ist gedämpft, die Wände sind aus dunklem Holz. Es riecht nach Hopfen, Gin und Steinkohlefeuer. Ich sehe Dickens am Tisch beim Kamin sitzen und essen und sich mit einer Serviette die Bratensoße vom Bart tupfen. Im Gang Oscar Wilde, der mit milder Stimme und großen Gesten eine Gruppe von gut gekleideten Gentlemen unterhält, während neben mir an der Theke der Henker William Marwood an seinem Bier nippt, nach Zigarrenrauch und Schweiß riecht und mit dem Barkeeper über das Wetter in Horncastle und über die Preise für neue Schuhsohlen schwatzt. Das alles geschieht in meiner Fantasie.

Gäbe es eine Zeitmaschine, mit der ich wirklich dorthin reisen könnte, ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, sie auch zu benutzen. Das Ganze könnte schrecklich desillusionierend sein. Das Gleiche gilt für die damals lebenden Persönlichkeiten, die ich aus den verschiedensten Gründen faszinierend finde. Will ich ihnen in meiner Fantasie begegnen, lese ich alles von ihnen und alles über sie, was ich finden kann, und lasse sie in meinen Büchern auftreten. Conan Doyle, Oscar Wilde, Bram Stoker und H.G. Wells, um einige zu nennen. Hätte ich die Möglichkeit, sie leibhaftig zu treffen, wer weiß, ob wir uns überhaupt sympathisch wären.

Ich gehe jetzt lieber wieder runter in den Keller und sehe nach, wie weit Wells mit der Reparatur seiner verdammten Zeitmaschine ist. Seit fünf Tagen sitzt er nun schon hier bei uns fest. Ich muss sagen, so langsam habe ich es satt, dass er ständig in unserem Wohnzimmer raucht, obwohl wir ihm gesagt haben, er soll raus auf die Terrasse gehen. Und er hört einfach nicht auf, meine Frau anzubaggern. Ein schrecklicher Kerl! Ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt habe. Erst heute Morgen hat er ihr in den Hintern gekniffen und sie grinsend „mein Pantherchen“ genannt …

Dryas Verlag: 7. Wie würden Sie sich selbst mit 3 Worten beschreiben?

Robert C. Marley: Kreativ. Wissbegierig. Empathisch.

 

 

 

 

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